Krankenkassen zahlen weiterhin bei Alkoholvergiftung

Personen, die nach einem übermässigen Alkoholkonsum eine Alkoholvergiftung erleiden und in einer Ausnüchterungszelle oder einem Spital enden, sollen zukünftig die entstehenden Kosten selber tragen. So hatte es eine Parlamentskommission geplant. Inzwischen hat der Bundesrat die Vorlage aber abgelehnt. Abzuwarten bleibt, ob das das Ende aller Vorstösse in diese Richtung ist.

Zwei Gründe für das „nein“!

Der Bundesrat begründet seine Entscheidung einerseits damit, dass eine gesonderte Ausnahme für den übermässigen Alkoholkonsum einem Systemwechsel gleichkäme. Dies sei mit dem Verfassungsgrundsatz der Rechtsgleichheit kaum vereinbar. Andererseits wurden dem Rat aus seiner Sicht keine ausreichenden Fakten vorgelegt, die die Wirksamkeit des Beschlusses untermauern. Nicht zuletzt steht die Befürchtung im Raum, dass insbesondere junge und finanziell schwach gestellte Menschen Behandlungen zu spät oder gar nicht in Anspruch nehmen.

Gesundheitskommissionen erfahren heftige Kritik

Wer aufgrund einer Alkoholvergiftung medizinische Behandlung benötigt, der sollte auch selbst die Kosten tragen. Mit dieser Aussage gab es bereits seit 2010 eine parlamentarische und vom Nationalrat Toni Bortoluzzi (SVP/ZH) ins Leben gerufene Initiative. Die Gesundheitskommissionen stellten sich hier von Anfang an auf die Seite des Nationalrats.

Als Begründung für die radikale Forderung wird auf die Selbstverschuldung bei einer Alkoholvergiftung hingewiesen. Und bei einem selbst verschuldeten Problem sollte der Patient die Kosten selbst tragen, so die Argumentation weiter. Über die Gesundheitskommissionen hinaus, erhielt die Initiative bisher allerdings nur wenig Unterstützer. Lediglich eins der 26 Kantone sprach sich für die Vorlage aus. Heftige Kritiken gab es dagegen von Seiten der Konsumentenschutz-Organisationen sowie von einer Vielzahl von Leistungsbringern und anderen Organisationen.

Den richtigen Umgang mit Alkoholmissbrauch finden

Dem Bundesrat ist bewusst, dass es noch immer Probleme im Umgang mit Alkoholmissbrauch gibt. Die Organisation Sucht Schweiz schreibt auf ihrer Website, dass Schätzungen zufolge in der Schweiz ungefähr 250‘000 alkoholabhängige Menschen leben. Und natürlich ist Alkoholmissbrauch nicht nur etwas, was menschliche und soziale Probleme mit sich bringt. Er verursacht auch Kosten.

Sucht Schweiz zitiert hier eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), laut der die im Jahr 2010 in der Schweiz durch Alkoholkonsum verursachten gesellschaftlichen Kosten bei 4,2 Milliarden Franken lagen. Dazu zählten 613 Millionen Franken direkter Kosten im Gesundheitswesen sowie Produktivitätsverluste in der Wirtschaft (z.B. durch alkoholbedingte geringere Arbeitsleistung) von 3,4 Milliarden Franken und 251 Millionen Franken Kosten für Strafverfolgung, etwa aufgrund von Trunkenheit am Steuer.

Weitere Zahlen zum Thema: In jedem Jahr werden mehr als 12.000 Personen aufgrund der Folgen eines zu hohen Alkoholkonsums im Spital behandelt. Häufig handelt es sich dabei um Personen, die bereits eine Vorgeschichte mit Alkohol haben, denn gut drei Viertel der behandelten Patienten sind Alkoholkranke oder Personen mit einem psychischen Leiden. Lediglich 10% der Behandelten sind jünger als 23 Jahre alt. Bei einem Grossteil der Patienten mit alkoholbedingten Problemen ist auch eine Behandlung aufgrund von Verletzungen nötig.

Trotz der Kostenprobleme stösst ein Antrag wie der jetzt abgelehnte weitläufig auf Skepsis. Eine ähnliche Vorlage wurde bereits zuvor abgelehnt, weil lediglich die SVP und die FDP in einem Beschluss für eine Kostenbeteiligung einen sinnvollen Lösungsansatz sahen. Die Mehrheit befürwortet eher andere Wege, um Alkoholmissbrauch und damit indirekt auch die dadurch entstandenen Kosten zu reduzieren. Einer dieser Wege ist das seit 2008 existierende Nationale Programm Alkohol (NPA). Es bildet die Grundlage für ein organisiertes Handeln und Strukturieren von Massnahmen im Kampf gegen Alkoholmissbrauch. Über das NPA erhalten verschiedene Organisationen und Anlaufstellen, die mit Alkoholmissbrauch konfrontiert sind, wichtige Empfehlungen. Spitale, Polizei und Suchtzentren sollen ein enges Netzwerk aufbauen, um das Problem „Alkoholmissbrauch“ effektiv anzugehen.

Die Krankenkassen werden also auch zukünftig alle schulmedizinisch anerkannten Leistungen finanzieren, mit denen ein Alkoholmissbrauch bekämpft wird. Zusatzversicherungen können aber beispielsweise sinnvoll sein, wenn die erste Phase des Missbrauchs überwunden ist und Rückfälle verhindert werden sollen. Je nach Patient können hier unter anderem flankierende Massnahmen wie Yoga, Sport oder Autogenes Training helfen, die eigene seelische Balance zu finden. Zusatzversicherungen bieten hier zum Teil Kostenbeteiligungen.