Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Ist das „Leben“ einer „gesunden“ Krankenkasse mehr Wert, als das Leben eines Menschen, dem mit teueren Medikamenten geholfen werden könnte?
Ganz klar: Medikamente sind teuer. Und vor allem dann, wenn diese über einen langen Zeitraum und mit aufwendigen Behandlungen in Zusammenhang stehen. Doch wie viel darf es Kosten, um einen Menschen vor dem Tod zu bewahren? Was ist das Leben eines erkrankten Menschen, der mit kostspieligen Medikamenten länger am Leben gehalten werden kann, wert? Ziemlich heikle Fragen zu einem heiklen Thema. Und die Antworten werden von Politikern immer wieder herausgeschoben, um nicht als Buhmann im Parlament dazustehen.

Nun hat sich aber das Schweizer Bundesgericht mit einem Fall beschäftigt. Der Auslöser: eine Patientin, welche unter der seltenen Stoffwechselkrankheit Morbus Pompe leidet. Als Massnahme wird die Frau mit dem Medikament Myozyne behandelt. Das Medikament ist nicht auf der Spezialitätenliste der kassenpflichtigen Medikamente. So sah sich die Krankenkasse der Patientin nicht dazu verpflichtet, die Kosten der Medikamente von rund einer halben Million pro Jahr zu übernehmen.

Zusätzlich jährliche Kosten von 90 Milliarden Franken
Der „Tages-Anzeiger“ berichtete vor Kurzem, dass eine entsprechende Gesetzesvorlage nicht vorhanden ist. Deshalb kam es zu folgendem Schluss: „Ist der Aufwand nicht verallgemeinerungswürdig, so kann er aus Gründen der Rechtsgleichheit auch im Einzelfall nicht erbracht werden“. Auf gut Deutsch übersetzt: Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Medikamente der Patientin – in diesem Fall jährlich eine halbe Million Franken – müsste man auch die Kosten für vergleichbare Erkrankungen übernehmen.

In der Schweiz würde dies auf rund 180 000 Personen zutreffen. Rechnet man die Kosten für alle Betroffenen hoch, würden jährlich zusätzlich Kosten in der Höhe von 90 Milliarden Franken entstehen – eine untragbare Belastung für die sonst schon angeschlagene Grundversicherung der Schweiz. Und das sich die Politiker dem heiklen Thema lieber abwandte, legte das Bundesgericht mit einer weiteren Überlegung nach: Für die Judikative sei die Schmerzgrenze bei jährlich 100 000 Franken pro gerettetem Lebensjahr erreicht.

Aber so ganz will man die Entscheidung dem Bundesgericht noch nicht überlassen. Der Arzt und FDP-Nationalrat Ignazio Cassis reichte bereits im März einen Vorstoss ein. In seinem Vorschlag weist er darauf hin, dass die Kommission für Grundsatzfragen, die nationale Ethikkommission und die Akademie der medizinischen Wissenschaft gemeinsam eine Grundlage schaffen, welche dann im Bundesrat debattiert werden könnte. Die Idee findet bei allen Parteien positiven Anklang.